Verteilertrio-Tagebuch.

Das Tagebuch des Verteiler-Trios oder

Wie man negative Kritik übt.

Dieser Beitrag beschäftigt sich auf kritische Art und Weise mit den unangenehmen Arbeiten, die man als Praktikant manchmal zu verrichten hat. Wir stellen authentisch unsere Wut und unsere Frustration dar und erläutern, wie wir unsere Erfahrungen als negatives Feedback zurückgegeben haben. Denn: Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Wichtig an dieser Stelle ist noch zu erwähnen, dass diese Situation innerbetrieblich geklärt ist und dieser Beitrag nicht dazu dient, irgendjemandem eins reinzuwürgen. Eher möchten wir anhand dieser Geschichte unseren Lerneffekt darstellen.

 

Tag 1: Wir werden an den Konferenztisch beordert, es gibt eine neue Aufgabe: Das Padernoster ist fertig und muss ausgeteilt werden. Wir bekommen eine Liste an die Hand, auf der die verschiedenen Auslagestellen stehen: Verteilt werden muss in der Innenstadt, bei der Uni, in den Außenbezirken und beim Fußballstadion. Also ganz Paderborn.

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Tag 2: Es geht los. Es ist Montag, das Wetter wechselhaft, aber trocken. Wir haben letzte Anweisungen bekommen, z. B. was wir beim Verteilen sagen und auf was wir hinweisen sollen. Am Ende des Tages können wir diesen Text auswendig wie von einer Kassette abspulen.

Wir bekommen einen Bollerwagen zur Verfügung gestellt, dessen Reifen schon prallere Zeiten gesehen haben (vermutlich ist der Schwund beim letzten Vatertagsumzug passiert).  Diesen befüllen wir mit vielen, vielen Padernoster-Magazinen, ziehen ihn an und los geht’s. Das Auto, welches ebenfalls mit vielen Padernoster-Magazinen befüllt ist, steht auf einem Parkplatz nahe der Innenstadt. Jedes Mal, wenn der Bollerwagen leer ist, tingeln wir zurück zum Auto, um ihn neu zu befüllen. Nach etwa 3,5 Stunden beschließen wir, dass es für den Tag reicht, denn aus müde wird bereits albern. Wir haben einen großen Teil der Innenstadt abgeklappert und fast 500 Magazine verteilt.

 

Tag 3: Morgens fahren Jenny und ich mit Karsten im Auto durch die Gegend, um Großabnehmer/Werbekunden zu beliefern. Mit allen wird ein Plausch gehalten, die Atmosphäre ist angenehm und im Auto ist es warm. Das kann man von den Außentemperaturen nicht behaupten: Bei 11° Celsius wechseln sich Nieselregen und heftige Schauer ab.

Petrus hat kein Erbarmen mit uns. Gegen Mittag stapfen wir zu dritt los, Karsten gibt uns eine Zeitempfehlung von zwei bis zweieinhalb Stunden, das prallgefüllte Auto steht am Dom und wieder tingeln wir hin und her, während der gnadenlose Regen mal in schweren, mal in kleinen Tropfen auf uns niederprasselt. Ein Regencape dient zum Schutz der kostbaren Magazine, trotzdem werden die Cover immer wieder nass und wir müssen uns in den Geschäften dafür entschuldigen. Die Arbeitsmoral schwindet merklich und nicht langsam. Unser vorgetragenes Gebrabbel in Endlosschleife nervt uns immens, der Bollerwagen ist schwer, unsere Füße und Haare sind nass und es ist kalt.

In einer Pause versuchen wir, uns bei Pommes und Tee aufzuwärmen. Wir geraten in hitzige Diskussionen und Schimpftiraden. Wir ärgern uns, dass gerade die unbezahlten Praktikanten die Scheißarbeit verrichten müssen und fragen uns, warum das nicht jemand anderes machen kann – schließlich gibt es eine Aushilfe, die auch bezahlt wird und deren Motivation sicher dadurch höher wäre als unsere ins Wasser gefallene Arbeitsmoral. Trotzdem versuchen wir Lösungsansätze zu finden. Jennifer schlägt vor im Verlag anzurufen und zu berichten, dass nichts mehr geht. Wir diskutieren weiter. Am Ende entscheiden wir uns mit zusammengebissenen Zähnen weiter zu machen. Uns ist klar, dass, wenn wir es heute nicht schaffen, fertig zu werden, morgen ein neuer Regentag auf uns wartet. Also ziehen wir es durch. Nass, durchgefroren, wütend.

Jenny und Ruby sprechen nach dem Tag noch mit der Belegschaft. Das Ergebnis: Der nächste Tag ist frei.

 

Tag 4: Zuhause. Die Nase läuft, der Hals ist dicht, und äquivalent zu den Hustenanfällen steigt auch der Ärger. Es wird klar: Da muss ein Gespräch geführt werden. Ich bekomme Bauchschmerzen, denn ich kann noch nicht abschätzen, wie meine Kritik aufgenommen werden wird und ob ich es schaffe, nicht an die Decke zu gehen, sondern ruhig zu bleiben. Vor meinem inneren Auge läuft bereits folgendes Szenario ab: Ich werde patzig, der Chef ebenfalls, ich werde laut, er auch, ich gebe nicht nach, der Chef zeigt mir die kalte Schulter, und mit einem Türenknall bin ich weg. Dabei habe ich nicht vor, das Praktikum wegen so eines Konflikts abzubrechen, denn ansonsten bereitet mir die Arbeit ja viel Freude. Ich wäge ab, ob ich wirklich die Konfrontation wagen soll – aber ein ungelöster Konflikt würde mir kein gutes Gefühl vermitteln und den Spaß an der Arbeit blockieren. Die Nervosität steigt.

 

Tag 5: Der Tag startet mit dem Gespräch. Es wird längst nicht so schlimm wie befürchtet – sondern viel besser. Marco spricht mich nach meiner Ankunft im Büro direkt an und erweist sich als sehr einfühlsamer Gesprächspartner.Das zeigt mir schon einmal, dass wir als Praktikanten nicht als einzige das Gefühl haben, dass hier ein Problem vorliegt, und das ermutigt mich.

Anstatt sofort mit der Tür ins Haus zu fallen und den Aggressionen freien Lauf zu lassen, entscheide ich mich für eine diplomatischere Kommunikation. Ich denke an die Vorgehensweise des Feedback-Sandwiches, die ich in der Uni gelernt (und mich danach unzählige Male darüber lustig gemacht) habe, und denke, dass es vielleicht doch Sinn ergibt, das Gespräch mit einem positiven Kommentar zu starten. Das tue ich also: Ich erkläre, dass mir die Arbeit hier Freude bereitet, die Verteiler-Aufgabe mir aber ein negatives Bild vermittelt hat und erwähne auch, aus welchen Gründen.

Im Gespräch nimmt Marco eine sehr vermittelnde Rolle ein. Das hatte ich nicht erwartet, und das tat gut. So gab es keinen Zweikampf der Interessen, wo einer als Gewinner hervorgeht. Er betont, wie sehr er uns Praktikanten verstehen kann – auf der Seite des Unternehmens steht aber nun mal eine Aufgabe, die es zu erledigen gilt.

Niemand kann was für den Regen, das ist klar, und uns wird erklärt, dass auch von uns erwartet wird, zu sagen, wenn eine Aufgabe nicht mehr geht. Selbst wenn im ersten Moment gestutzt wird – später wird eine Lösung gefunden. Hätten wir also während der Verteilaktion gesagt, Hey, es geht nicht mehr, dann wäre auch Schluss gewesen. Marco macht vor allem Mut, den Mund aufzumachen: Hauptsache, man steht zu seinen Entscheidungen und kann diese begründen. Nichtsdestotrotz waren die Kollegen natürlich froh, dass wir die Innenstadt nun fertig hatten.

Mir tat dieses Gespräch sehr gut. Ich hatte danach den Mut zu sagen, dass ich aus der weiteren Verteilaktion raus bin (eine Abendtour durch die Kneipen und Bars stand noch an), und ich habe (wieder einmal) gelernt, wie wichtig es ist, Feeback zu geben, auch Negatives. Und das auch und vielleicht gerade als kleinstes Glied in einer Hierarchiekette, nämlich als Praktikantin.

Nur weil man am Anfang steht, bedeutet das nicht, dass man nichts zu sagen hat.  Manchmal ist es viel besser, seine Wut herauszulassen (wohlgemerkt in ruhigem Tonfall und in durchdachten Worten), als sie herunterzuschlucken.

Wichtig ist dabei, dass man sich vorher überlegt, wie man mit dieser Situation umgehen soll. Das für und wieder beider Seiten sollten abgewogen werden. Niemandem nutzt es, wenn man sich zickig verhält und auf seiner Meinung beharrt, ohne die Sicht des anderen zumindest anzuerkennen und darüber nachzudenken.

Ein Gespräch zwischen Praktikant und Chef sollte offen angegangen werden und beide sollten sich im Klaren darüber sein, dass es Kritik geben wird. Natürlich müssen beide darauf achten, die Grenze zwischen Ehrlichkeit und Dreistigkeit nicht zu überschreiten. Beide Positionen müssen klar formuliert werden und es dürfen keine Missverständnisse aufgrund von schwammigen Formulierungen entstehen. Mit klaren Ansagen ist man gut beraten. Man sollte jedoch keinesfalls unhöflich werden. Ein respektvoller Umgang ist auf beiden Seiten wichtig! Unabhängig von der Unternehmenshierarchie. Für den Praktikanten sollte klar sein, dass er seine Rechte kennt, sie dem Arbeitgeber aber nicht sofort vor den Latz knallt um den Konflikt nicht eskalieren zu lassen. Falls sich im Gespräch keine Einigung erzielen lässt oder sich der Chef uneinsichtig zeigt, kann man später immer noch damit argumentieren. Es sollte für den Praktikanten ebenfalls klar sein, was er mit diesem Gespräch erreichen möchte. Eine bloße Meckerattacke braucht keiner und zu einer Lösung kommt man damit nicht.

Wenn man weiß was man will, sollte man sich genau überlegen, ob die Forderungen, die man stellen will, im Rahmen dessen sind, oder ob sie das Maß der Dinge überschreiten und ins Unverschämte abdriften. Man sollte beim Gespräch auch immer bereit sein einen Kompromiss einzugehen, mit dem beide Seiten leben können, denn stupides Beharren führt meist zu einem Bruch und kann die restliche Praktikumszeit leicht zu einer unangenehmen Zeitabsitzerei machen.

Ich bin froh, dass sich der Konflikt so gelöst hat – und ich habe eine weitere Erfahrung dazugewonnen: In Zukunft werde ich nicht mehr so schlottern, wenn ich eine unangenehme Situation mit einem Arbeitgeber klären muss, denn ich weiß jetzt, dass ich in der Lage bin, mein Anlliegen so zu kommunizieren, dass mein Gegenüber es nicht als Angriff versteht.

 Ute&Ruby